NEUE  NAMEN:

Unsere Senta, nun bald schon vier Jahre alt, war ein rechter Männernarr. Sie schmuste mit jedem und saß auf allen möglichen Schößen rum, nur männliche mussten es sein. Manchmal war es richtig peinlich. Selbst auf der Straße sprach sie alle Männer an, ob es ein Bauarbeiter oder der Postbote war. So war sie in unserem Dorf bald bekannt wie ein bunter Hund. Wenn wir irgendeinen neuen Herrn aus dem Dorfe kennenlernten und dieser dann unsere Senta zu Gesicht bekam, hieß es: „Ach so, sie sind die Eltern von Senta, das wusste ich ja gar nicht." Senta kannte jeder Mann im Dorf! Sie war auch ein richtiger Wirbelwind, alles musste bei ihr immer schnell gehen, oft für sie selber zu schnell. So rannte sie des öfteren gegen eine noch geschlossene Tür, da sie in der Eile ganz vergessen hatte sie zu öffnen. Auch das ausweichen von Laternenpfählen war äußerst schwierig bei ihr, wenn sie um die Ecke fegte. Aber bei Senta wunderte uns gar nichts mehr, auch nicht als sie anfing zu stottern, da sie nicht so schnell erzählen konnte wie sie es gerne hätte. Als mein Mann sie einmal scherzhafter Weise "Kamel" nannte, fand sie das toll und war richtig stolz auf ihren neuen Namen. Sollte sie danach einer mit etwas anderem betiteln, wie zum Beispiel: „Na, du kleine Süße", begehrte sie gleich auf und machte darauf aufmerksam, dass sie Kamel heiße. Eine Verkäuferin in unserem Lebensmittelladen ließ sich jedoch nicht beirren und nannte sie nach ihrer Façon - Motte - , weil sie so klein und quirlig war. Nach einiger Zeit fand sie den richtigen Namen - Senta - heraus und sagte begeistert zu ihr: „Weißt du eigentlich, dass ich genauso heiße wie du?" -  „Wie?", fagte Senta ungläubig,  „Motte oder Kamel?"
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