NETTE VERMIETER:

Da wir auf dem schwärzesten Land wohnten und die nächste Einkaufsmöglichkeit nur mit dem Wagen zu erreichen war, wurde es höchste Zeit, dass ich den Führerschein machte. Das blieb natürlich kein Geheimnis im Dorf und alle, nebst unserer Vermieter, wünschten mir für meine Prüfung viel Glück. Ich hatte bereits so an die 20 Fahrstunden hinter mir und in der nächsten Woche sollte die Prüfung stattfinden. Mein zukünftiger, eigener Wagen stand schon vor der Tür. Ein gebrauchter VW, wie es üblich war. Ich machte mich an einem Nachmittag daran, das gute Stück zu waschen, damit er richtig glänzte, wenn die Jungfernfahrt losgehen sollte. Meine kleine Cora spielte auf dem Rasen und schien einen Moment lang einmal nichts auszufressen. Doch da nahm ich nach einiger Zeit aus den Augenwinkeln war, dass sie sehr mit einem Busch beschäftigt war und die Beeren mit lautem Schmatzen verdrückte. Ich kannte diese Beeren nicht und es kam Panik in mir auf. Ich ließ Putzlappen und Eimer fallen, um wie eine wilde Stute zu meinem Kind zu galoppieren. Genau wissend was zu tun war, riss ich einen Zweig mit Beeren des Busches ab, klemmte mein Kind unter den Arm und rannte in der Nachbarschaft herum, um mich schlau zu fragen. Schließlich waren es alle alte Leute dort, die sicherlich den Busch kannten. Doch niemand schien etwas über die Giftigkeit der Beeren zu wissen, nur, dass dieser Busch immer schon da gewesen war. Ohne weiter zu überlegen, verfrachtete ich meine Tochter ins Auto und fuhr kurzerhand ins nächste Dorf zur Apotheke. Dort las mir der Apotheker aus seinem schlauen Buch vor, dass die Beeren zwar nicht stark giftig seien, aber auch nicht essbar. Ich solle das Kind, zur Sicherheit, am besten erbrechen lassen, meinte er nur. Zu Hause angekommen, klemmte ich mir mein armes Kind unter den Arm, um ihr auf den Magen herumzudrücken und ihr den Finger in den Hals zu stecken. Sie schrie erschrocken über die Behandlung die ich ihr angedeihen ließ und da das ersehnte Erbrechen nicht erfolgte, wurde ich noch fahriger. Gerade da schellte es an unserer Haustür. Mit dem schreienden Kind unterm Arm öffnete ich. Unsere Vermieterin stand vor mir und schaute mich vernichtend an: „ Ich habe ganz genau gesehen, dass sie schwarz Autogefahren sind. Das werde ich melden, damit sie es nur wissen!", drehte sich auf dem Absatz um und verschwand. Völlig verdattert stand ich in der Tür. Das hatte mir gerade noch gefehlt! Ich nahm meine immer noch weinende Tochter in den Arm und sagte wütend zu ihr: „Das sind Menschen Cora, die möchte man am liebsten erschlagen!" Cora schien von dieser Idee begeistert zu sein, denn sie hörte sofort auf zu weinen und lächelte mich freudig an. Ja, sie zappelte geradezu vor Ungeduld. Womit wieder einmal bewiesen sein sollte, wie innig doch die Mutter-Kind-Beziehung ist.  
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