WENN ELTERN MAL AN SICH DENKEN:

„Ihr müsst auch mal an euch denken.", meinte die besorgte Oma eines Tages. „Sieh mal Karl, Hedda ist zwei Jahre nicht vor die Tür gekommen, sie hat nur noch den Haushalt und ihr Kind. Geht doch mal wieder aus! Cora kann doch bei uns schlafen, sie ist doch gern bei Oma." Gesagt, getan. Wir besorgten uns Karten zu einem Ball und ich war schrecklich aufgeregt, wieder mal tanzen gehen zu können. Zudem bestand keinerlei Grund zur Beunruhigung, denn auf Oma konnte man sich verlassen. In Galakleidung kamen wir mit Kind bei Oma an. Cora schien begeistert zu sein mal von Oma und Opa verwöhnt zu werden und es interessierte sie nicht im geringsten, ob wir gingen oder blieben. Oma brachte uns zur Tür und wünschte uns noch einen schönen Abend,  wir sollten ihn so richtig genießen. Da ließ uns ein spitzer, fast unnatürlicher Schrei, zusammenfahren. Karl und ich rannten uns beinahe gegenseitig über den Haufen, um nach dem Kind zu sehen. Sie lag im Kinderzimmer vor der Rippenheizung in einer großen Blutlache. Ich dachte mich trifft der Schlag! Der Einzige, der in diesem allgemeinen Schock noch klar denken konnte, war mein Karl. Er rannte ins Schlafzimmer, riss ein paar Handtücher aus dem Schrank und presste diese vor die klaffende Stirnwunde unserer Tochter. Dann nahm er sie auf den Arm und rannte auch schon die Treppen mit ihr hinunter. Ich lief heulend wie ein Hund hinterher. Auf der Fahrt zur Unfallaufnahme presste ich mein Kind an mich, als sollte es mir heute noch genommen werden. Schwere Vorwürfe machte ich mir, nur an mich gedacht zu haben und zu diesem blöden Ball gehen zu wollen,  anstatt bei meinem Kind zu bleiben. Coras Wunde musste genäht werden und mein tapferer Mann blieb an ihrer Seite. Mich ließ man im Flur stehen, sicherlich war ich als hysterische Heulsuse auch keine Beruhigung für mein Kind. Ich hörte mein Kind bis auf den Flur schreien, es war fast nur noch ein Gurgeln. Heulend lief ich auf und ab und biss dabei ständig an meiner Halskette herum, bis sie in tausend Teile zersprang. Plötzlich umfasste mich eine Krankenschwester  mit den Worten: „Um Himmelswillen, legen sie sich hin und laufen sie nicht herum, ich hole sofort den Doktor.", damit schob sie mich auf ein fahrbares Bett. „Aber wieso denn? Ich habe doch gar nichts, mein Kind ist verletzt.", stammelte ich verstört. Die Schwester starrte auf meine Brust, als ich ihrem Blick folgte, begriff ich erst. Mein  heller Abendanzug war über und über mit Blut besudelt. Ich sah zum Fürchten aus. Nach einer ganzen Weile kam mein Mann mit unserer Cora auf dem Arm aus dem Behandlungszimmer. Schlimm sah sie aus!  Ganz klein und bleich mit einem riesigen Verband um den Kopf. Der Arzt wollte sie eine Nacht zur Beobachtung in der Klinik behalten, doch ich regte mich gleich schrecklich darüber auf.  Nie und nimmer würde ich meine Tochter in der Klinik lassen. Wo sollte sie wohl besser betreut und beobachtet werden als bei uns zu Hause? Ich wurde fast hysterisch. Endlich Zuhause angekommen, saß ich am Bettchen meiner Tochter und weinte bis sie eingeschlafen war. Ich trocknete mir die Tränen und ging erleichtert ins Wohnzimmer. Karl saß da mit einem Glas Weinbrand in der Hand, dass er sich auf den Schreck auch redlich verdient hatte. „Schläft sie jetzt?", fragte er mit brüchiger Stimme. „ Ja, sie schläft ganz ruhig.", sagte ich tröstend. Doch was dann kam, verblüffte mich doch. Das Glas in seiner Hand fing an zu zittern und er verschüttete den Weinbrand über den Tisch. „Was ist denn nun los?", fragte ich verständnislos. „Wenn alles vorbei ist spielst du verrückt? Nun beruhige dich doch mal!" Das die Männer aber auch immer gleich die Nerven verlieren müssen!  

9