HALLO BABY:

Ein Kind zu bekommen ist etwas ganz Himmlisches und doch eine Tortur. Bei mir ist es das erste Baby dass ich bekommen soll. Ob ich die Geburt wohl durchstehen werde?  Diese schreckliche Ungewissheit was auf einen zukommen wird, und die vielen Horrorgeschichten von den kaum auszuhaltenden Schmerzen ängstigten mich sehr. Die mitleidigen Gesichter der Bekannten und Verwandten die einem Mut zusprechen, aber dabei aussehen als sei mein letztes Stündlein gekommen. "Nur Mut, du wirst es schon schaffen", Worte die einem auch den letzten Mut nehmen. Mit wackligen Knien, die  Tränen tapfer zurückhaltend, stehe ich im großen Flur der Klinik. Der Pförtner nimmt meine Personalien auf wie in einem Gerichtsgebäude, wenn man als Zeuge geladen ist.  Anschließend erklärt er den Weg zur Geburtenstation und fragt noch besorgt: "Werden sie es schaffen, oder soll ich eine Schwester holen? Wie fühlen sie sich?" - "Um Gottes Willen, es geht mir prima!", sage  ich,  selbst nicht daran glaubend. Nur nicht als Memme dastehen! Die Knie zittern noch mal so schlimm, als ich mich stolz auf den Weg mache um allen zu beweisen wie cool ich doch bin. Dann erfahre ich: "Es kann noch dauern, aber bleiben sie lieber über Nacht hier." Und gleich danach: "Möchten sie ein Beruhigungsmittel, damit sie schlafen können?" Oh nein, keinerlei Medikamente! Außerdem bin ich die Ruhe selbst und brauche so etwas nicht. Wenig später liege im Zimmer direkt neben dem Kreissaal, heule mir die Augen aus und weiß ganz genau, dass ich in dieser Nacht nicht ein Auge schließen werde.
Früh am nächsten Morgen ist es soweit,  ich werde in den Kreissaal gefahren. Kacheln, überall Kacheln in kaltem Weiß, wie in einer Schlachterei! Dann vergehen viele Stunden, die mir im nachhinein wie Minuten vorkommen, da ich beschäftigt bin, mit mir selbst, meinen Schmerzen und dem Kind in mir.  Diese  schrecklichen Schmerzen,  verdammt noch mal, wie lange soll ich das noch ertragen?  Sie werden immer schlimmer,  oh Gott ich muss mich übergeben!
Wie peinlich, sicher bin ich die einzigste Frau auf der Welt die kotzen muss, wenn sie ihr Kind bekommt.  Die Hebamme meint auch noch zu meinem Dilemma: "Es geht alles Bestens, nur noch nicht pressen, einfach entspannen bei den Wehen." Ja, ist die denn total verrückt?  Wie soll ich mich bei diesen Schmerzen entspannen? Den ganzen Blödsinn den sie einem beigebracht haben,  das mit dem Hecheln,  wann soll ich das denn machen? Die Praxis sieht völlig anders aus als die Theorie. Nur gut, dass das Kissen so dick ist, da kann man prima hineinbeißen. Irgendwann höre ich wie von weit her: "So, nun tüchtig pressen, dann haben wir es bald geschafft." Wieso wir? Sie lässt mich pressen, bis ich nicht mehr kann und ich merke, dass irgend etwas nicht zu stimmen scheint. Panik macht sich in mir breit. In keinem Buch über die Geburt habe ich gelesen dass man sooo irrsinnig lange pressen muss und es tut sich nichts. Die Hebamme rennt plötzlich zum Telefon und ruft einen Arzt herbei. Was dann passierte werde ich nie vergessen. Der Arzt kam, schaute kurz nach dem Rechten und wenig später war eine kleine Arztversammlung um mein Kreisbett. Die Hebamme wurde barsch aus dem Zimmer geschickt und alle schienen sich zu überschlagen. Sie brüllten sich Befehle zu und ich wusste genau, hier stimmte einiges nicht!  Es wurde eine schlimme Geburt, doch irgendwann hatten sie es, mein Baby!  Es war ganz blau und es gab keinen Ton von sich. Die Ärzte liefen mit dem Kind aus dem Zimmer und ließen mich allein zurück in meiner Ungewissheit und Angst. Nach schier endlosen Minuten kamen sie wieder und legten mir strahlend mein Kind in meinen Arm. Ein Mädchen! Es sollte das schönste Kind unter der Sonne sein, doch dieses sah eher aus wie E.T. Ich wollte fragen ( ist sie gesund? ) doch nur ein heiseres "OK?", kam über meine Lippen. "Alles in bester Ordnung, wir haben es geschafft, ein dicker Brocken. Aber warum suchen sie sich auch solch einen großen Mann aus?" Danke, das war's dann wohl. Nun bin ich auch noch selber Schuld! Mein Baby bekommt langsam eine rosige Farbe aber es hat nur ein Auge offen, warum nur?  Ist das andere vielleicht gar nicht da?  Oh je, diese schrecklich langen Fingernägel, fast wie beim Struwwelpeter. "Die Nägel müssen geschnitten werden", ist der erste Satz, den meine Tochter und der entsetzte Arzt  von mir zu hören bekam. Dann begann ich zu heulen und konnte beim besten Willen nicht mehr aufhören. "Wegen der Nägel?", fragte schmunzelnd der Arzt. Ich hätte ihn dafür erschlagen können!  Erst als ich mit meinem Baby alleine war und meine Tränen langsam versiegten, hauchte ich ein leises "Hallo meine kleine Cora, willkommen in deinem Leben.", in ihr Ohr.
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