Neues Haus und neue Nachbarn
Nach ein paar Jahren zogen wir eine Straße weiter im Dorf in ein Reihenhausneubau mit großem Garten. Unsere dortige direkte Nachbarin begrüßte uns mit solch einer Herzlichkeit und dem unvermeidlichem Du, dass es einem die Sprache raubte.
Meinem Mann stieß das
gleich übel auf denn seine
Meinung ist, dass diese
völlig übertriebenen,
überaus freundlichen
Menschen, auch die
ebenso übertriebene Kehrseite besitzen. Ich hatte mich zu diesem Zeitpunkt bei dieser Dame noch nicht verbrannt und schlug seine Bedenken in den Wind. " Man muss sie eben nehmen wie sie ist", meinte ich. Bald merkten wir, dass ihr Mann, ein sehr netter aber eher sehr ruhiger Mensch, keinerlei Chance hatte in ihrer Gegenwart aus sich rauszukommen. Er tat uns zunehmend mehr leid. Aber das war nicht unser Problem, es war nur etwas peinlich wenn sie in Anwesenheit Anderer über ihn schimpfte oder ihn herunterputzte. Doch dennoch kam ich persönlich gut mit ihr aus da ich auch nicht auf den Mund gefallen bin. Wenn sie in Urlaub fuhr war es für mich eine Selbstverständlichkeit ihren Garten zu pflegen, da ich doch wusste wie pingelig sie mit dem Garten war. Auch saßen wir oft, mal auf ihrer mal auf unserer Terrasse und tranken Kaffee zusammen. Eines tags bekamen wir Zuwachs, eine Katze. Um ihr eventuell bei zu bringen den Garten nicht zu verlassen, zogen wir einen Zaun um denselben. Dieses war eh in der Region üblich, wir hatten bisher nur darauf verzichtet und unsere Nachbarin schien auch keinen Wert darauf zu legen. So ließen wir es denn, frei nach dem Motto, wenn es keinen stört das er nicht gezogen ist, dann ist alles klar. Doch unsere überfreundliche
Nachbarin kam wie eine
Furie aus der Tür auf die
Terrasse gelaufen und
schrie uns an,
" Ich will diesen Zaun
nicht hier haben.
Ich hasse Zäune, ihr werdet den sofort wieder entfernen sonst werde ich einen Rechtsanwalt einschalten das kommt Euch teuer zu stehen. Außerdem habt ihr mich erst mal um meine Meinung zu fragen, denn schließlich wohne ich auch hier!" Diesen überaus schrillen Ton waren wir bei ihr gewohnt, aber nur seitens ihres Mannes. Uns gegenüber hatte sie den noch nicht aufgesetzt. Das wollte und musste ich mir nicht bieten lassen. So sagte ich ihr in einem normalen Ton:" Dein Rechtsanwalt wird dir bestätigen das Zäune sogar Pflicht sind, wir hatten nur bisher darauf verzichtet. Zudem ist es deine Seite und du müsstest diesen Zaun ziehen, aber das wollen wir ja gar nicht, wir machen und bezahlen den selber. Ich könnte dir auch erklären warum. Aber dazu habe ich nun keine Lust mehr. Auch solltest du dir merken, dass du diesen Ton bei deinem Mann anwenden kannst aber bitte nicht bei uns." Unsere Arbeit setzten wir damit fort. Sie plusterte sich auf wie ein Pfau und verschwand in der Wohnung. So hatte noch keiner gewagt mit ihr zu sprechen. Am Abend schickte sie dann ihren Mann zu uns der uns davon abringen sollte das unser Zaun weiterhin ihre Aussicht störte. Er fühlte sich gar nicht wohl in seiner Haut und erklärte auch dass es ihm völlig egal sei ob Zaun oder nicht Zaun, aber eben seine Frau war nicht gefragt worden und das will sie nun mal immer. Er wurde immer umgänglicher und wir tranken ein gemütliches Bier zusammen und er fühlte sich sichtlich wohl bei uns. Bis das Telefon ging und er zurückbeordert wurde. Mit eingezogenem Kopf machte er sich wieder auf den Weg nach drüben. Der Arme wurde anschließend von ihr so beschimpft das bei uns die Wände wackelten. Ihr angedrohter Anwalt hüllte sich in Schweigen, was uns nicht verwunderte, aber auch sie selber tat es. Wir wollen sie der Einfachheit mal Ulla nennen. Sie sprach von Stund an kein Wort mehr mit uns. Was und herzlich wenig interessierte nur um der Kinder wegen war es eine unmögliche Situation, denn auch denen zollte sie keinerlei Beachtung mehr. Unsere Kleinst stürzte
kurz darauf auf dem Weg
direkt vor ihrem Garten
und schrie wie am Spieß
weil sich verletzt hatte.
Dieses geschah vor Ullas Nase, ich selber war auf dem oberen Balkon und fiel fast die Treppe runter weil ich schnell bei dem Kind sein wollte. Unsere Ulla aber würdigte der Kleinen keines Blickes , sie ging sogar wieder in die Wohnung zurück. Meine kleine Tochter erzählte es mir und konnte die Welt nicht mehr verstehen, dass Tante Ulla ihr nicht geholfen habe sondern einfach reingegangen war. Das war den Guten zuviel. Ich musste trotz meines Alters hinzulernen, bei den allzu freundlichen Menschen doch vorsichtig zu sein, denn die Kehrseite sieht oft ebenso allzu schlimm aus._
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